22. Dezember

Toni Kurz kämpft mit dem Seil. Schwer ist das Aufdrehen sogar mit warmen Händen am Wohnzimmertisch, Glatthard hat es selbst einmal probiert. Das Seil von Toni Kurz aber hat sich längst voll Wasser gesaugt und ist bocksteif gefroren, gleicht mehr einem Kabel. Sein erfrorener linker Arm steht wie ein totes Stück Holz vom Körper ab. Schneerutsche wischen über ihn hinweg. Mit den Zähnen hält er das Seil, die Hand entwindet ihm die Litzen, Zentimeter um Zentimeter, drei Stunden lang.

9 Uhr. Die Lufthansa-Maschine landet in Bern-Belpmoos. "Nach kurzer zollamtlicher Erledigung" heißt es in der Basler "National-Zeitung", bringt der bereitstehende Bus die Rettungsmannschaft nach Grindelwald.

Endlich ist das Seil aufgedreht, sind die Litzen zur Schnur verknüpft. "Laß sie herunter!" Die Führer sehen oben am Überhang das Ende der Schnur auftauchen, tiefer kommt sie, jetzt reicht sie weit herunter, aber der Sturm verweht das Ende, unerreichbar für die Führer.

"Häng einen Karabiner an die Schnur!" Toni Kurz zieht die Schnur wieder hoch, beschwert das Ende mit einem Karabinerhaken und läßt die Schnur wieder ab. Weit wölbt sich der Überhang hinaus, der Karabiner hängt deshalb zwei Meter von der Wand weg.

Mit einem Eispickel angeln sich die Retter die Schnur - den Lebensfaden von Toni Kurz! Sie binden ein Seil daran. Ein Ende behalten sie in der Hand. "Aufziehen!" Nie wird Arnold Glatthard vergessen, wie das Seil langsam nach oben geht. Schwer ist die Last für Toni Kurz. Doch das Seil ist nicht lang genug. Jetzt rächt es sich, daß die Führer ihr extra langes Seil verloren haben.

"Halt, Toni, wir binden noch eins dran!" Das Ende des ersten Seils knüpfen sie mit einem Verbindungsknoten an das zweite. Nun erst ist es lang genug. Mit äußerster Anstrengung zieht Toni Kurz die Last zu sich. Er hat ein Seil, ein richtiges Seil, das ist sein Lebensstrang! Jetzt muß es gelingen!

Er knotet sein Ende in den Haken, knüpft sich eine Schlinge, in der er sitzen kann, hängt einen Karabiner ein, schlingt das Seil durch den Karabiner und über die Schulter um den Rücken herum. Dadurch hat er genügend Seilreibung, um sich langsam hinabzulassen.

11 Uhr. Noch 30 Minuten für Toni Kurz. In Grindelwald-Grund steigen die acht Mann aus München in den Sonderzug der Jungfraubahn. Gemächlich schraubt sich das Bähnlein die steilen Hänge hinauf.

Düstere Wolken verhängen die Wand. Wären die Männer von Dienst VI jetzt schon oben, könnten sie mit einer neuen Technik am Seil zu Toni Kurz aufsteigen: Der sogenannte Prusik-Knoten erlaubt es, sich mit Hilfe von zwei Reepschnüren an einem senkrecht hängenden Seil hinaufzuschieben. Dienst VI hat das häufig geübt. In der Schweiz ist die neue Technik 1936 noch so gut wie unbekannt.

Endlich: Toni Kurz macht sich auf, zu den Lebenden zurückzukehren. Am Seil läßt er sich die Mauern seines Kerkers hinab. Noch können ihn die Führer nicht sehen. Grauenhaft muß es sein, an solch einem Überhang abzuseilen.

Da ist er! Zuerst tauchen seine Füße außen am Überhang auf, dann die Beine, der Körper, der Kopf. Eiszapfen hängen an den Steigeisen. Langsam und ruckartig kommt er daher, kein schulmäßiges Abseilen, egal, irgendwie hält er das Seil um den Körper geschlungen.

Wie freuen sich die Führer, ihn schon so nah zu sehen! Sie haben ihr Bestes gegeben, ihr eigenes Leben riskiert, um ein anderes Leben zu retten, nur noch ein paar Meter, was ist das schon in dieser riesigen Wand! Das oberste Stück des Dorfkirchturms hat er geschafft. Unter dem Überhang hängt das Seil frei in der Luft. Toni pendelt im Nichts, ein Spielball der Sturmböen. Meter für Meter schnurrt das Seil durch den Karabiner an seinem Körper.

Zwischen seinen Beinen hindurch sieht Toni Kurz die Führer, die Menschen, nur noch 30 Meter, sie sind nicht mehr unerreichbar fern, immer näher kommt er ihnen, er hört ihre Zurufe, sie machen ihm Mut, gut Toni, weiter so, 20 Meter, dort unten warten keine Toten, keine im Eis erstarrten Augen des Strangulierten glotzen ihn an, da wartet das Leben, die Wärme, der Tee, 15 Meter, du schaffst es Toni, die entsetzliche Anspannung fällt von ihm ab, die Qualen der vergangenen Nacht, niemand läßt ihn mehr allein, noch zwölf Meter, noch zehn, acht, fünf, "du bist gerettet, Toni!" ruft Arnold Glatthard.

Da stößt der Karabiner an den Verbindungsknoten der beiden Seile. Die Fahrt stockt. Der Knoten paßt nicht durch die Öse. Verzweifelt zerrt Toni an dem Knoten, will ihn durch den Karabiner pressen. Er müßte ihn entlasten, damit der Knoten durchrutschen kann.

"Toni, zieh dich etwas am Seil hoch!"

Sein linker Arm steht steif vom Körper ab. Er versucht sich mit dem rechten Arm hinaufzuziehen, ein paar Zentimeter wenigstens, versucht es mit den Zähnen. Keinem Tod das Leben schenken! Der zermarterte Körper aber hat nicht mehr die Kraft, sein ganzes Gewicht mit nur einem Arm nach oben zu ziehen. "Es geht ja nicht", stammelt er.

Arnold Glatthard arbeitet sich noch ein paar Schritte höher. Vier Meter. Drei Meter. Fast auf gleicher Höhe steht er jetzt mit Toni Kurz. Der aber hängt ein Stück draußen vor der Wand, wegen des Überhangs. Glatthard kann mit der Spitze seines Eispickels fast Tonis Schuhe berühren. Näher kommt er nicht. Drei Meter in dieser Wand, zwischen ihnen nichts als Luft! Glatthard hat das Ende des Seils in der Hand. Er rüttelt daran, der Knoten muß doch irgendwie durchgehen. Zwecklos.

Glatthard bindet ein Messer ans Seil. "Zieh das Messer zu dir, Toni, und schneide das Seil über dem Knoten ab!" Toni wird zwar ein paar Meter tief in den Schnee fallen, aber die Führer haben ihn ja sicher am Seil, der Knoten im Karabiner wird halten.

Toni Kurz versucht, das Messer heranzuholen. Er schafft es nicht. "Versuch es nochmal, Toni, versuch es!" Vier Tage und vier Nächte hat er der Wand, dem Eis, dem Tod getrotzt. Glaubte sich schon gerettet, als er den Streckenwärter das erste Mal rufen hörte, sah seine Kameraden sterben, glaubte sich ein zweites Mal gerettet, als er gestern die Führer kommen sah, besiegte die Grauen der Nacht und des Alleingelassenwerdens, glaubte sich gerade ein drittes Mal und diesmal endgültig der Wand entronnen. Ganze drei Meter und ein Knoten. Ein letztes Mal zieht er am Seil, dann fällt sein Arm herunter. Alle Kraft ist versiegt, das Leben verlöscht. "Ich kann nicht mehr", murmelt er und kippt nach vorn ins Seil. Toni Kurz ist tot.

aus dem Artikel: Drama in der Nordwand - Vor 60 Jahren hielt eine Eiger-Besteigung die Welt in Atem
von Curt Schneider