24. Dezember

Christian Rohlfs, Magnolie von San Materno (1937)

DIETRICH BONHOEFFER
Von guten Mächten

Von guten Mächten treu und still umgeben
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.

Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drücket uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unseren aufgescheuchten Seelen
das Heil, für das du uns bereitet hast.

Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern,
des Leids gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.

Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.

Lass warm und still die Kerzen heute flammen,
die du in unsere Dunkelheit gebracht.
Führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.

Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.

Von guten Mächten wunderbar geborgen
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist mit uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiß an jedem neuen Tag.


DIETRICH BONHOEFFER Geboren 1906 in Breslau. Hingerichtet 1945 im KZ Flossenbürg. Sohn des Psychiaters Karl Bonhoeffer; studierte Theologie, wurde Privatdozent und Studentenpfarrer in Berlin, Pfarrer in London, 1933 Direktor des Predigerseminars der Bekennenden Kirche in Finkenwalde; 1936 Verlust der Lehrbefugnis; schloß sich dem Widerstand an, 1943 verhaftet; in der Haft ein unbeugsamer Christ, der seine Mitgefangenen bis zuletzt tröstete; Verfasser zahlreicher theologischer Schriften.

Das wiedergegebene Gedicht Von guten Mächten ist ein eindringliches Zeugnis christlichen Glaubens im Angesicht des Todes


Ich wünsche Euch Frohe Weihnachten und ein Gutes Neues Jahr 1997
Christina