5. Dezember

Oskar Maria Graf
Der Dezember

Von all den kurzen einunddreissig Tagen,
die der Dezember in das Schneewehn schickt,
ist jeder voll von uralt dunklen Sagen,
von vielen Wintern in das Jahr gefügt.

Er aber liebt nicht diese Dunkelheiten
und mag nicht gern, dass man sein Sinnen stört,
denn er entstammt noch heidnisch klaren Zeiten,
von denen man nur manchmal vage hört.

Was gilt ihm Weihnacht und das fromme Streben,
das Menschensinn in seine Fröste trägt?
Ihm hat die Zeit das Schwerste aufgegeben,
seit sie sich nach Kalendern fortbewegt.

Sie gab ihm die Verpflichtung beim Beginnen,
da Stund' und Stunde sich im Schnee verliert,
der nüchtern schweren Frage nachzusinnen:
"Wie hat das Jahr die Monate regiert?"

Der gute Mond sieht ihn als Riesenschatten
im hohen Sterngewölb der bleichen Nacht
aus Wäldern greifen in die weissen Matten,
gestaltlos, wie aus einem Traum erdacht.

Aus seinem Dunkel tastet er ins Helle
und sucht nach Antwort, Tat und sicherm Grund
und findet nur sich selbst auf jeder Stelle
als leeren Schnee im eisig kahlen Rund.

Da graut ihm vor den glitzernd stummen Weiten,
denn wem ist je so Schreckliches geschehn?
Und unterm Jubel beim Sylvesterläuten
kann er nur noch als Nichts im Nichts vergehn.