20. Dezember

Weihnachten

Der Holzschnitzer Mathias Bichler kehrt aus der Stadt, wo er es zu Ansehen gebracht hat, ins Dorf, zu seiner Jugendliebe, dem Kathreinl, heim, das seit langem Wittib ist.

... und da etliche Tag darnach der heilig Abend anbrach, stellte die liebste Frau die alte Hauskrippe unter den Altar, steckte rings um den Tisch rote Kerzen auf und trug schwere Schüsseln voll Äpfel, Nüsse und Weihnachtsbrot in die Stube.

Darnach stellte sie alle die armseligen Figürlein und Sachen, so ich ihr als Knab geschenkt, an ihren Platz und steckte eine große Kerze dazu.

Am End aber wies sie mir auch meinen Platz, indem sie ein Licht neben das ihre klebte und eine feine Silbertruhe, darinn ein goldenes Herz und in diesem ein alter Fingerring lag, dazustellte, worauf sie hinauslief, ihre Leut zu holen.

Nun legte auch ich meine Verehrung für sie, ein goldenes Medaillon, sowie eine Statuette ihrer Patronin zu ihren Sachen und setzte mich darnach still auf die Ofenbank.

Lachend und schwatzend erschienen nun alle im Festgewand, wünschten mir einen guten Abend und knieten sich darnach um die Krippe.

Da trat auch die Kathrein in hohem Staat ein, trug einen brennenden Wachsstock in der Hand, lächelte leise zu mir herüber und entzündete die Kerzen, indem sie mit bewegter Stimm das Weihnachtslied begann. Da fielen alle ein und sangen:

»Was Wunder ist gschehen zu dieser Nacht,
Da uns die Jungfrau den Christ hat bracht!
Ein Jauchzen dringet vom Himmel her;
Englein tun singen: Gott sei die Ehr!
Es knieet Maria wohl auf dem Stroh
Und ist der erfülleten Botschaft froh,
Hälts Kindlein voll Lieb wohl in dem Arm
Und singet: Nun schlafe, mein Söhnelein, warm!
Ich wiege dich sanft und ich wiege dich fein,
Schlafe, mein herzliebes Kindelein, ein! -
Ihr Manne, der Joseph, das Bettlein aufmacht
In der Krippen, darein er ein Strohbund hat bracht;
Maria die legt ihren Schleier dazu
Und bettet ihr Söhnlein zur gueten Ruh.
Ein Ochs und ein Eslein, die wehren der Kält
Und halten fein warm den Erlöser der Welt.
Viel Engelein fliegen durchs nächtliche Tal,
Besingen das Kindlein in Bethlehems Stall,
Frohlockend des Wunders der heiligen Nacht,
Da Jerichos Rose das Blümlein hat bracht.«

Nach solchem Singen standen alle auf, und ein jegliches nahm sein Licht vom Tisch; das Kathreinl aber reichte ihnen den üblichen Christtaler, verteilte den Inhalt der Schüsseln unter sie und nahm darnach auch unser beider Verehrung vom Tisch, legte es in ihre Schürze und setzte sich schweigend zu mir, indes die Mägd aufdeckten und die Mahlzeit hereinbrachten.

Also ward fröhlich gegessen und getrunken, gelacht und gescherzt, indes das Feuer im Ofen krachte und der Kienspan knisterte ...


Lena Christ (1881-1920)