13. Dezember

Georg Büchner
1813-1837

Frühmette im Straßburger Münster

Straßburg, im Januar 1833.

Auf Weihnachten ging ich morgens um vier Uhr in die Frühmette ins Münster. Das düstere Gewölbe mit seinen Säulen, die Rose und die farbigen Scheiben und die kniende Menge waren nur halb vom Lampenschein erleuchtet. Der Gesang des unsichtbaren Chores schien über dem Chor und dem Altare zu schweben und den vollen Tönen der gewaltigen Orgel zu antworten. Ich bin kein Katholik und kümmerte mich wenig um das Schellen und Knieen der buntscheckigen Pfaffen, aber der Gesang allein machte mehr Eindruck auf mich als die faden, ewig wiederkehrenden Phrasen unserer meisten Geistlichen, die jahraus, jahrein an jedem Weihnachtstag meist nichts Gescheiteres zu sagen wissen als: der liebe Herrgott sei doch ein gescheiter Mann gewesen, dass er Christus grade um diese Zeit auf die Welt habe kommen lassen.



Aus: Günter Stolzenberger, Das große Weihnachtsbuch, Artemis und Winkler, 2005