LEO

20. Dezember ­2025

(Fortsetzung von gestern)

Himmel und Hölle (Teil 2)

„Man könnte fast ein wenig neidisch werden“, seufzte die Lady, während sich das Gespann unter leisem, melodischem Glöckchenläuten der Brücke näherte. „So leicht, so mit der Natur verwachsen . . .“

„. . . so verwachsen, dass es nicht einmal Strom gibt. Und keine Badewanne, in der man sich am Ende eines arbeitsreichen und kalten Tag entspannen kann.“ Trotz dieser Mängel: Auch die Queen konnte sich dem Zauber des Ensembles nur schwer entziehen.

In der Wand, vor der sie inzwischen angekommen waren, schwang plötzlich eine Tür auf, die den Ankömmlingen bislang noch nicht aufgefallen war. Eine mächtige Gestalt zwängte sich durch die von Innen erleuchtete Öffnung, als ob sie den Besuch genau jetzt erwartet hätte.

„Elektrisch gibt’s hier in der Tat nicht, aber zu einem Bohème-Palast gehört, wie zu jedem echten Schloss, nun mal Kerzenlicht.“, empfing die Ankömmlinge Svens dunkle, volle Stimme, nachdem er sich aufgerichtet und seinen Besuch unter einem bewundernden Zungenschnalzen gemustert hatte. Eigenlich war’s unmöglich, dass Sven die Bemerkung der Queen gehört haben konnte. Aber die Weihnachtszeit ist nun mal unlöslich mit größeren und kleineren Wundern verbunden, wie gerade die Adelshäupter wussten. „Und wo ich euch endlich mal erwische, lasse ich euch auch nicht so einfach weiterziehen! Kommt rein in meine gute Stube, ihr seid ja sowieso praktisch fertig mit eurer Ausfahrt.“ Sven deutete auf das einzige Packerl, das sich noch auf dem Schlitten zeigte. „Hereinspaziert, die Herrschaften! Nur vorsicht mit den ausladenden Geweihen, dass ihr mir meine Behausung nicht demoliert.“

Eigentlich erwarteten die Adelshäupter eine feste Weigerung des Chefs auf die Einladung, wo sie doch alle nach der langen Fahrt leicht müde waren und zudem der eigenen Bescherung entgegenfieberten! Und überhaupt: Ein Ausfahrtfinale bei einem, der unter einer Brücke lebt, das ging so gar nicht. Schließlich waren sie von Stand.

„Lieber Sven, aber das geht doch wirklich nicht, dass wir zu sechst so total unerwartet bei dir einfallen und deine Gastfreundschaft strapazieren!“, widersprach der Weihnachtsmann so halbherzig, dass Sven in lautes Lachen ausbrach: „Lieber Weihnachtsmann, das war nun wirklich die unglaubwürdigste Ablehnung, die ich in meinem langen Brückenleben gehört habe! Also: Ich bitte einzutreten, nur keine falsche Scham!“

Sir Quirin war es inzwischen wie Schuppen von den Augen gefallen: „Deshalb der rote Nostalgiemantel des Chefs für die heutige Ausfahrt!“ raunte er dem King ins Ohr. „Ich wette, das war von Anfang an zwischen dem Kindl und dem Chef so abgesprochen. Und das Kindl hat Sven einen wunderbaren Vorsehung geschickt, dass heute das Weihnachten seines Lebens stattfinden würde. Nur uns hat mal wieder keiner eingeweiht!“

„Zum Schluss der Ausfahrt eine derart stimmungsvolle Einladung“, tönte das Christkind fröhlich-hell über die Häupter der Adleshäupter weg, während der Weihnachtsmann die Zügel löste, „was für eine wunder-, wunderschöne Überraschung!“

„Man könnte dem Kindl die Überraschung fast abnehmen! Wie kann das Christkind nur derart schamlos schummeln.“, flüsterte King Irenäus säuerlich ins Ohr von Quirin zurück. „Aber der gute Zweck heiligt wohl auch im Überirdischen die Mittel.“

Den Eintretenden verschlug es kurz die Sprache, Sir Quirin ließ einen anerkennenden Pfiff ertönen. Das Innere von Svens überraschend geräumiger guter Stube verstrahlte das Flair eines Gemachs aus 1001-Nacht. Sicher kam diesem Eindruck das Dämmerlicht zu gute, das etliche flackernden Kerzen verbreiteten. Die vermutlich denselben Deponien wie die Wände entstammenden Wandteppiche („echter, antiker Orient“, ließ Sven mit lässiger Schlossbesitzergeste einfließen) hatten bessere Tage gesehen. Aber das Halbdunkel des Raums verklärte den Verschleiß zu Kunstwerken, die auch jetzt, nachdem sich die Augen der Besucher an das spärliche Licht angepasst hatten, ihren Zauber behielten. Glimmende, duftende Räucherstäbchen („Extra für den hohen Besuch gekauft!“) verdichteten den Orient ebenso, wie zwei von der Decke hängende Lüster, die durch fehlende Glasperlen, welk herabhängende Arme und wagemutig daran befestigte Kerzen flatterhafte Schattenspiele ins Wohnparadies malten. Es war, wie Sven schon gesagt hatte, sein Palast, mit allen zu einer Märchenhöhle gehörenden Accessoires.

„Freut mich ungemein, so einmalige Besucher empfangen zu können. Ihr Vier“, Sven deutete auf die Adelshäupter, „nehmt am besten auf dem Sofa Platz. Legt ruhig eure Kostüme ab, mein Bullerofen bringt euch sonst ins Schwitzen.“

„Danke“ erwiderte die Queen reserviert, „aber wir ziehen unsere Kostüme immer erst zu Hause aus.“ Die drei übrigen Adelshäupter nickten synchron.

Mit Kennerblick streifte Sven das Fell der Adelshäupter: „Natürlich kein Ramsch aus dem 1-Euro-Laden. Ich würde wetten, echte Bisamratte (die Damen zuckten peinlich berührt zusammen). Eigentlich hätte ich auf Rentierfell getippt, aber man zieht ja seinen Zugtieren nicht für eine Schlittenfahrt das Fell über die Ohren – nicht wahr lieber Weihnachtsmann?“ Während Sven mit einer seiner mächtigen Pranken anerkennend die Schulterpartie der Queen beklopfte, ließ er erneut sein mächtiges Lachen ertönen und prustete dabei seinen vom Vorglühen süßlich angereicherten Atem der Queen ins Gesicht. Diese nahm den Ausdruck heraufwachsender Panik an, zumal sie sich schlecht die Nüstern zuhalten konnte. „Aber nun macht’s euch doch gemütlich und steht nicht wie die Ölgötzen in dieser unbequemen Haltung herum, schließlich verbergen sich unter den Fellen ja keine Vierbeiner!“

„Danke.“ stammelten die Adelshäupter, quetschten sich an Sven vorbei und setzten sich vorsichtig und steif wie arme Sünder auf das für vier mit dickem Pelz angetane Lebewesen ziemlich knapp bemessene Sofa. Dieses seufzte zwar hörbar auf unter dem geballten Gewicht, doch immerhin hielt es der Belastung stand.

„Perfekt!“, staunte Sven, als sich unter den Hufen die Finger der Adelshäupter herausschälten.

„Und absolut Ton in Ton.“ Svens Blicke pendelten fasziniert zwischen Edelgundes wallender Mähne, die im flackernden Kerzenlicht ein Feuerwerk an Pink versprühte, und ihren krass langen Nägeln hin und her.

„Alles natürlich, keine Press Ons!“ Die Lady strahlte: Endlich mal eine ihrer Erscheinung angemessene Anerkennung! Auch wenn sie’s dem „Palastbesitzer“ auf den ersten Blick nicht zugetraut hatte: Er besaß einen ausgezeichneten Geschmack! Hatten sich der King oder der Sir jemals ähnlich geäußert? Natürlich nicht!

Edelgunde

„Und der Klunker ist auch nicht schlecht. Ist aber nicht echt? Würde ja ein Vermögen kosten. Aber trotzdem sicher zwei, drei Six-Packs guten Sprit wert?“

Die Queen schoss ein paar aggressive Strahlen von ihrem Ringfinger in Svens Augen ab, so dass der heftig zwinkerte. „Natürlich echt! 2-Karäter, runder Brillantschliff, zertifiziert lupenrein!“ brachte die Queen ob dieses Affronts mühsam hervor.

„Oha – bei Weihnachtsmanns lebt sich’s nicht schlecht.“

(Fortsetzung im morgigen Türchen)

Text: © Kili Riethmayer
Bilder: © Doris Lettmann

Für den Fall, dass Ihnen die Episode Spaß gemacht hat, finden Sie mehr von den Adelshäuptern, dem Weihnachtsmann und dem Kindl unter den nachstehenden Links:
Eine denkwürdige Schlittenfahrt (2010), Schöne Bescherung (2011), Die Überraschung (2012), Das Weihnachtsessen (2013), Aushilfskräfte (2014), Der Herzenswunsch (2015), Die Panne (2016) (Teil 1), Die Panne (2016) (Teil 2), Glühwein (2017) (Teil 1), Glühwein (2017) (Teil 2), Entzückend! (2018) (Teil 1), Entzückend! (2018) (Teil 2), Freue dich! (2019) (Teil 1), Freue dich! (2019) (Teil 2), Kumpels (2022) (Teil 1), Kumpels (2022) (Teil 2), Eine melodische Bescherung (2023) (Teil 1), Eine melodische Bescherung (2023) (Teil 2), Eine melodische Bescherung (2023) (Teil 3), Eine melodische Bescherung (2023) (Teil 4), Himmel und Hölle (2024) (Teil 1), Himmel und Hölle (2024) (Teil 2), Himmel und Hölle (2024) (Teil 3)

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