LEO

21. Dezember ­2025

(Fortsetzung von gestern)

Himmel und Hölle (Teil 3)

King Irenäus wühlte seine Rechte ganz aus dem Huf hervor. Vergeblich versuchte er mit seinem auffällig ins Licht gereckten großen Siegelring Svens Aufmerksamkeit zu erregen und auch ein Lob einzufangen. Das matte Schildpatt des königlichen Wappens vermochte dem Glitzer der Damen nichts adäquates entgegenzusetzen.

Während die weiblichen Adelshäupter Komplimente einsammelten, ließ der Weihnachtsmann seinen Blick durch den Raum schweifen. Um den zentralen Tisch, der einen etwas wackeligen Eindruck erweckte, standen neben dem Sofa drei Stühle aus verschiedenen Jahrhunderten, jeder, zumindest hier, ein absolutes Unikat. Zwischen den Orientteppichen an den Wänden stapelten sich edle Raritäten, auf dem Boden musste man seine Schritte vorsichtig zwischen allerlei Stolperfallen von Kreationen aus Porzellan, Holz und Metall setzen. Aus einer Ecke des Raums ragte der riesige Trichter eines uralten Grammophons für Schellackplatten. Der Tisch war einladend mit sieben Tellern, Gläsern und zugehörigem Besteck aus besseren und aus nicht ganz so prächtigen Häusern gedeckt, zwei, den Deckenlüstern würdige Kerzenständer rundeten das Bild einer fürstlichen Tafel ab.

Edelgunde versuchte die bruchstückhafte Unterhaltung wieder in Gang zu bringen: „Richtig gemütlich haben Sie’s hier.“, bemerkte sie anerkennend. „Fast so schön wie bei uns Zuhause.“

Sven verzog das Gesicht und streckte seine Hände abwehrend vor: „Muss das mit dem Siezen sein? Meine Freunde und ich, die Leute bei der Tafel, alle duzen sich. „Sie“, das klingt so fremd. Als ob ihr aus einer anderen Welt kämt. Wenn’s euch nichts ausmacht: Ich bin Sven, wie ihr schon gehört habt. Und ihr?“

„Die Queen“ – „King Irenäus“ – „Sir Quirin“ – „Lady Edelgunde“

„Ui, lauter uralter englischer Adel! Dabei schaut ihr recht gut erhalten aus. Eher so, als wärt ihr einem stylischen Comic entstiegen.“ Sven rollte die Augen und machte eine komische Verneigung. „Wenn ihr wollt, könnt ihr euren Adel für heute Abend an den vier Wandhaken aufhängen. Aber vergesst bloß nicht ihn mitzunehmen, wenn ihr später geht.“ Er wandte sich dem Christkind zu: „Und du bist sicher das Christel, dass bei der Ausfahrt oben auf den Päckchen sitzt und aufpasst, dass nichts vom Schlitten fällt?“

Während die Adelshäupter schockiert ihre Kiefer auf und zu klappten, nickte das Kindl Sven fröhlich lächelnd zu.

„Schaut fast so aus, als hättest du gewusst, dass wir heute Abend zu sechst zu Besuch kommen?“ Der King schwang seine Rechte in ausladender Bewegung über die sieben Gedecke auf dem Tisch.“

„Die letzten Nächte hatte ich immer wieder den gleichen Traum: Da saßen sieben Zwerge um meinen Tisch und futterten, was das Zeug hält. Das mit den Zwergen muss man ja nicht so ernst nehmen, war ja ein Traum. Schneewittchen war auch kein’s dabei – oder vielleicht doch? Einer der Zwerge sah dem Christel unheimlich ähnlich, einer hatte eine pinkfarbene Zipfelmütze auf – Gundl, das warst sicher du!“, wandte er sich an Lady Edelgunde. „Dazu einer mit gebogener Pfeife im Mund, einer mit einem umwerfenden Fummel auf dem Kopf, statt der Mütze. Dass sich der bei der Ausfahrt auf dem Kopf hält?“ Sven bestaunte ungeniert den Kopf der Queen. „Und einer hatte eine Art Krone über die Zipfelmütze gestülpt. Und der Weinachtsmann sah genauso aus wie in Wirklichkeit, nur viel kleiner, ein echter Weihnachtszwerg halt. Nachdem sich der Traum ein paar mal wiederholte, war ich mir sicher, dass ihr mich heute besuchen kommt. Wahnsinnig gewachsen seid ihr im Vergleich zu den Träumen, bis aufs Christel. Obwohl“, nun war es an Sven seinen Mund auf und zu zu klappen, „Ich hätte schwören können, dass du gerade noch viel jünger aussahst und ein, zwei Kopf kleiner warst!“

„Hättest du denn einen Hochstuhl gehabt?“

„Nei-ein.“, stotterte Sven.

„Na also.“, meinte das Christel, als ob damit alles klar und gesagt wäre. „Lieber Sven, magst du uns denn vielleicht eine deiner Schellackplatten auflegen? Und wollen wir dann nicht zusammen auf das Weihnachtsfest anstoßen?“

Sven kam während er zu seinem alten Grammophon hinüberging, nicht aus dem Stammeln und Stottern heraus. „Im Traum, ich meine, da war’s so, also mit dem Weihnachtsessen, deswegen habe ich nichts – nur was zu trinken, draußen.“

Sven setzte das Trichtergrammophon in Gang, eine knisternde Schellackplatte verhalf einem Chore zu einem Vom Himmel hoch-Auftritt, dem man anhörte, dass es sich um den Abstieg in ein echtes Jammertal handelte.


Professor Felix-Schmidt-Doppelquartett, genaues Aufnahmejahr unbekannt

Dann ging Sven zur Haustür, griff in den Schneeberg, den er draußen aufgehäuft hatte und zog eine Sektflasche heraus, die er Quirin in eine seiner Huf-Hände drückte.

„Ist sicher noch gut, ich kann das Verfallsdatum nicht lesen. Meine Augen!“ Sven zuckte entschuldigend mit den Schultern. „Ist höchstens ein halbes Jahr her, dass ich ihn bei einem Supermarkt unter den ausrangierten Sachen gefunden habe. Ein echt guter Tropfen, für einen besondern Anlass!“ Sven blickte stolz auf seine Besucher. „Alkohol wird ja auch nicht schlecht – oder hat einer von euch ein Problem damit?“

„Ich“ begann die Queen geziert und wollte ihr sensibles Innenleben ausbreiten und dass sie nur Champagner trinke.

„Nein, alles bestens – aber für mich nur einen kleinen Schluck zum Anstoßen“, würgte das Christkind die Queen ab, die nur noch ein unfreiwilliges „nicht“ hinterher schieben konnte. Bei dem warnenden Blick des Christkinds blieb den anderen Adelshäuptern nichts übrig, als ein kräftiges „Nein!“ herauszuröhren. Wobei es der Sir, nachdem er die Flasche kritisch gemustert hatte, nicht unterlassen konnte, ein „Vor fast einem Jahr abgelaufen!“ anzufügen.

„Reich mir die Flasche doch mal rüber. Vielleicht hast du dich bei dem flackernden Kerzenlicht und der kleinen Schrift ja auch nur verlesen.“

Unwillig reichte der Sir die Flasche dem Kindl, er hatte durchaus gute Augen!

„Tatsächlich“, meinte das Christkind und strahlte (zumindest für Sven) echte Überraschung aus, „Vielleicht kann unser Weihnachtsmann dir mit dem Licht seines Smartphones aushelfen, lieber Quirin. Ich sehe eindeutig, dass der Sekt erst nächstes Jahr abläuft.“

Es lag eine gebündeltes Maß an Misstrauen im Blick von Sir Quirin, als er nach erneutem Studium der ihm zurückgereichten Flasche dem Kindl nur recht geben konnte. Er hätte geschworen, dass die Jahreszahl jetzt eine andere als zuvor war! „Da habe ich mich, bei Licht betrachtet, doch tatsächlich getäuscht. Um so besser!“

Der Sir öffnete die Flasche, ließ den Korken mit einem satten Knall zwischen den beiden Lüstern hindurch in den Brückenhimmel fliegen und goss das edle, in der Blüte seiner geschmacklichen Entwicklung stehende Getränk ein. Beim Christel schwankte er ein wenig, ob er nicht aus Rache wirklich nur einen winzigen Schluck ins Glas füllen sollte. Aber schließlich war Weihnachten und ein „Kind“, das nach irdischer Zählung schon das zweite Lebensjahrtausend vollendet hatte, vertrug auch ein ganzes Glas voll der perlenden Köstlichkeit. Quirin hab sein Glas: „Danke Sven, ein Hoch auf unseren Gastgeber!“

Im Kerzenschein sandten Gläser und Inhalt bunt glitzernde Lichtreflexe durch den Raum. Schöner konnten die Edelsteine in Aladins Wunderhöhle auch nicht gefunkelt haben!

„Jetzt mit dem Essen . . .“, Sven sah das Christel hilfesuchend an.

„Ich denke, du solltest, mal nach dem Grammophon schauen. Die Platte ist schon lange zu Ende.“

Ob dieser Antwort fiel Svens Stirn in tiefe Falten. Die Musik war alle, gut, aber was hatte das mit dem Essen zu tun?? Doch er erhob sich, machte ein paar Schritt, dann sah er ein ausuferndes Geschenkpaket zu Füßen des Grammophons liegen. Ein Geschenk, das unzweifelhaft vorher noch einsam auf dem Schlitten gelegen hatte. Unsicher bewegte sich Sven darauf zu, wollte sich bücken.

„Halt, erst einmal die Musik.“

Die Adelshäupter, deren Hinterteile sich auf Grund der Enge des Sofas nach Entspannung sehnten, erhoben sich hilfsbereit. Und während Sven die Platte umdrehte, umständlich die Nadel ersetzte und schließlich Oh Tannenbaum ertönen ließ, entnahmen sie dem Geschenkpapier eine nicht enden wollende Fülle dampfender Schüsseln.


Professor Felix-Schmidt-Doppelquartett, genaues Aufnahmejahr unbekannt

Sir Quirin sog alle über dem Tisch wallenden Geruchsfaceten genießerisch in sich ein. „Phantastisch! Ich wette auf den Chef! So gigantisch kocht nur unser lieber Weihnachtsmann. Und im Warmhalten ist unser Christel einfach unerreicht!“

Essen

„So ein Weihnachtsfest hatte ich mir schon immer gewünsch!“, meinte die Queen auf der himmlischen Schlittenfahrt zu ihren heimischen Gefilden, nachdem sie sich unter endlosen Dankesbezeugungen von Sven verabschiedet hatten.

„Du?“ staunte der King ungläubig. „Ein Weihnachten unter der Brücke?“

„Natürlich ich“, schnitt die Queen King Irenäus das Wort ab. „Habe ich je etwas anderes gesagt? Und nach der Bescherung freue ich mich auf ein wohliges Entspannungsbad. Jetzt aber nichts wie heim!“

Text: © Kili Riethmayer
Bilder: © Doris Lettmann

Für den Fall, dass Ihnen die Episode Spaß gemacht hat, finden Sie mehr von den Adelshäuptern, dem Weihnachtsmann und dem Kindl unter den nachstehenden Links:
Eine denkwürdige Schlittenfahrt (2010), Schöne Bescherung (2011), Die Überraschung (2012), Das Weihnachtsessen (2013), Aushilfskräfte (2014), Der Herzenswunsch (2015), Die Panne (2016) (Teil 1), Die Panne (2016) (Teil 2), Glühwein (2017) (Teil 1), Glühwein (2017) (Teil 2), Entzückend! (2018) (Teil 1), Entzückend! (2018) (Teil 2), Freue dich! (2019) (Teil 1), Freue dich! (2019) (Teil 2), Kumpels (2022) (Teil 1), Kumpels (2022) (Teil 2), Eine melodische Bescherung (2023) (Teil 1), Eine melodische Bescherung (2023) (Teil 2), Eine melodische Bescherung (2023) (Teil 3), Eine melodische Bescherung (2023) (Teil 4), Himmel und Hölle (2024) (Teil 1), Himmel und Hölle (2024) (Teil 2), Himmel und Hölle (2024) (Teil 3)

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