
Es war einmal ein guter König; dem war jede Unwahrheit schrecklich zuwider. So befahl er seinem Herold: Du wirst unverzüglich durch's ganze Land marschieren und überall in meinem Namen folgenden höchstgnädigen Befehl verlautbaren: „Es ist fortan einem jeglichen verboten, eine Unwahrheit zu sagen."
Nachdem sich seine Untertanen längere Zeit und oft vergeblich, mit der hehren Verordnung herumgeplagt hatten, erschien am Audienztag eine Schar kleiner Kinder vor dem König, der sie lächelnd empfing. Er forderte ein Mädchen auf, ihm zu erzählen, weshalb sie gekommen seien.
„Wir Kinder sind alle böse auf Dich!" sagte das Mädchen, tapfer den Kopf erhebend und dem König geradeaus in die Augen blickend.
„Wirklich?" rief er in heiterem Staunen. „Und warum sind meine lieben Kleinen böse auf ihren König?"
„Weil du befohlen hast, daß niemand mehr lügen darf."
„Sieh da, so jung und schon so schlimm! Willst du mir nicht erklären, du kleine herzige Sünderin, was du gegen mein Verbot einzuwenden hast?"

„Seit es untersagt ist, Unwahres zu erzählen, traut sich niemand mehr, uns ein Märchen zu erzählen. Ach, seit Monaten haben wir jetzt kein Märchen gehört! Und wir haben doch die wunderschönen Feen und die klugen Zwerge und die schrecklichen Riesen und die anderen prächtigen Sachen so gern, so gern! Das ist nun alles vorbei," schluchzte das Mägdelein, unendlichen Vorwurf im Blicke - „weil du es nicht haben willst!"
Der König war plötzlich sehr ernst geworden. „Das hab' ich gar nicht bedacht", sprach er langsam für sich. „Ich habe das Märchen verboten!"
Dann küsste er das Kind leise auf den blonden Scheitel und sagte zärtlich: „Du hast recht, mein Liebling, ich bin tatsächlich ein sehr arger König. Aber ich will wieder brav werden. Ich hör' sie selber sehr gern!"
Noch an demselben Tage marschierte der Herold mit selbstbewusster Miene durchs ganze Reiche und trommelte gar grässlich stark, dass es wieder erlaubt sei, zu lügen.