LEO

10. Dezember 2016

Vorbemerkungen: Denjenigen, die unseren Adventskalender schon in den letzten Jahren besucht haben, sind sie bereits gut bekannt, das (Christ)Kindl, der Weihnachtsmann und die Adelshäupter, seine vier Rentiere. Für Erstleser finden sich Links zum Kennenlernen der Protagonisten am Ende der Seite.
Da Doris, die auch die Icons zu unseren Kursen gestaltet, den Darstellern ein Gesicht verliehen hat, sind Text und Bilder auf zwei Türchen verteilt. Zu hohe Türen sind, wie Hürden, nur schwer zu bewältigen.


Die Panne

Der Weihnachtsschlitten glitt leise knirschend und fröhlich klingelnd über den Schnee. Endlich einmal war daran kein Mangel an Weihnachten, endlich einmal waren die Dächer der Häuser mit einer dicken, weißen Schicht überzogen, säumten Schneewälle die Straßen. Den Weihnachtsmann stimmte die so prächtig winterliche Natur richtig übermütig: Als er vom Abliefern einiger Geschenke zurück zur Straße ging, entwendete er kurzfristig die neben der Haustüre lehnende Schneeschippe und stieß damit heimlich die über die Straße ragenden Äste einer Kiefer an. Der Schnee entlud sich silbern funkelnd über die Adelshäupter.
„Ich finde das nur eingeschränkt lustig”, mäkelte die Queen. Hoffentlich hatte ihre heutige, besonders reizend-festliche Hutkreation nicht Schaden genommen! Die Adelshäupter schüttelten missmutig den Schnee ab, warfen erst unwillige Blicke auf den Baum, dann auf den Chef, der diesen unmöglichen Parkplatz ausgesucht hatte. Der Blick in das erheiterte Gesicht des Weihnachtsmannes und auf die Schneeschippe in seinen Händen, verriet den Adelshäuptern, wie es zu diesem tragischen Zwischenfall hatte kommen können.
„Wir finden's ebenfalls nicht lustig”, entrüstete sich der Chor der drei übrigen Rentiere.
„Nun habt euch bloß nicht so, endlich mal üppig-weiße Weihnachten! Freut euch lieber über das herrliche Funkeln und Glitzern.”
„Wenn mir nach Glitzern zu Mute ist, dann verfüge ich über genügend vorgewärmte Effektkosmetika zu Hause im Bad.” Lady Edelgunde nieste vorwurfsvoll-lautstark. „Ich fühle eine Grippe in mir heraufsteigen. Aber wie es mir an den Feiertagen geht, ist dem Herrn Arbeitgeber offensichtlich egal.”
„Dann kommt die altrosa Rheumaunterwäsche, die ich dir zu Weihnachten schenke, gerade richtig.” Der Weihnachtsmann war nicht gewillt, sich die Freude an der herrlichen Nacht verderben zu lassen. Lady Edelgunde, die bei dem Gedanken an die rosafarbenen Warmhalteteile erschauerte, stellte ihr Niesen dezent ein.
Der Weihnachtsmann konsultierte seine Liste. „Die alte Frau Strengbein wohnt immer noch mutterseelenallein dort draußen in ihrem Häuschen am Waldesrand!”, rief er ungläubig aus. „Und wie seit Jahren besteht ihr einziger Wunsch aus einer Flasche Rotwein, zum Vertreiben der Winterkälte und um auf das Christkind und den Weihnachtsmann anstoßen zu können - die Gute.”
„Von uns ist wohl nicht die Rede?”, fragte der King spitz.
„Doch, doch”, antwortete der Weihnachtsmann leutselig, „klar, dass ihr ebenfalls erwähnt seid; das genaue Zitat lautet: , ... und um auf das Christkind, den Weihnachtsmann und die vier Kamele, die den Schlitten den langen Weg ziehen, anstoßen zu können.'
„Einen umwerfenden Humor versprüht unser Chef heute mal wieder - ich hätte Lust, die Stelle zu wechseln”, sagte Sir Quirin. „Irgendwohin, wo eine geistvolle Unterhaltung möglich ist.”
„Dann wechselt doch die Ställe - ihr könntet etwa in die Garage umziehen.” Der Weihnachtsmann war nicht zu bremsen, während die Queen angeekelt etwas von einem „senilen Kalauer” vor sich hin murmelte. „Aber erst bringen wir die Fahrt noch zu Ende.”
Die Adelshäupter zogen den Schlitten über den Feldweg, der zum Wald führte. Wie ein Zauberhüttchen tauchte das Haus von Oma Strengbein im Mondlicht auf, eingepackt in wattigen Schnee und dunkelblaue, hohe Nadelbäume. Oma Strengbein war gut in den Achtzig - doch, auch wenn die Kälte sie plagte, sie wusste um ihre Pflichten. Tip-top war der Platz vor dem Haus geräumt und gestreut.
„Extra für uns.” Der Weihnachtsmann war tief gerührt.
Im nächsten Augenblick ertönte ein hässliches, schrilles Quietschen, der Schlitten ruckte heftig, kam mit einem unheilvollen Knacken zum Stehen. Unter den Kufen schimmerte schwach der griffige Splitt, der ein Ausrutschen verhindern sollte.
„Hoffentlich ist nichts kaputt gegangen”, stöhnte der Weihnachtsmann und sprang vom Schlitten. Voll Unruhe umschritt er das Gefährt, ließ sich auf der rechten Seite schwerfällig auf die Knie nieder, um erschreckt festzustellen, was eigentlich schon im Stehen deutlich erkennbar gewesen war:
„Die rechte Kufe ist gebrochen.”
„Ein dilettantischer Fahrfehler”, sagte der Sir genüsslich. Der Kalauer war gerächt.
Auch Lady Edelgunde machte aus ihrem Herzen keine Mördergrube: „Wie letztes Jahr. Erinnert ihr euch noch an das Schrammen am Kamin? Wahrscheinlich hat damals die Kufe einen Knacks bekommen und der Besitzer des Schlittens hat es das Jahr über nicht für nötig gefunden, sich um sein Gefährt zu kümmern. Typisch Mann.”
„Na, na, Edelgunde!”, sagte King Irenäus. „Auch wenn ich in den wesentlichen Punkten mit dir übereinstimme: Du solltest diese typisch weiblichen Verallgemeinerungen unterlassen.”
Der typische Kampf der Geschlechter lieferte dem Gewissen des Weihnachtsmanns keine Erleichterung. „Es ist ... es werden jedes Jahr mehr und schwerere Geschenke. Es ist zu viel für den Schlitten.”
Eine wenig plausible Erklärung, da der Schlitten bereits weitgehend geleert war. Nach einer ratlos durchschwiegenen Weile fügte er hinzu: „Was sollen wir jetzt machen?”

(Auflösung im morgigen Türchen)

Text: ©Kili Riethmayer
Bild: ©Doris Lettmann

Für den Fall, dass Ihnen die Erlebnisse von Weihnachtsmann & Co. Spaß machen und Sie die Episoden der vergangenen Jahre verpasst haben, finden Sie diese unter den nachstehenden Links. Eine denkwürdige Schlittenfahrt (2010), Schöne Bescherung (2011), Die Überraschung (2012), Das Weihnachtsessen (2013) Aushilfskräfte (2014) Der Herzenswunsch (2015)

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