LEO

5. Dezember 2021

Worpswede, den 30. November 1903.

Meine liebe Schwester,

bei uns hat jetzt der Winter Einzug gehalten. Es friert tüchtig und in ein paar Tagen kann man sicherlich Schlittschuh laufen. Ich sitze in meiner lieben Brünjesschen Klause. Es dämmert. Der Mond steht schon hell am Himmel und vor meinen Fenstern liegt unser geliebter Berg. Elsbeth und ich haben eben zusammen einen Bratapfel verzehrt. Man fühlt es nun schon Weihnachten.

Liebe, ich hätte Dich so sehr, sehr gern zum Fest in unserer Mitte. Ist es Dir so zumute, als ob Du bei uns sein möchtest? Du kannst ja gleich in Bremen durchfahren und hier ganz stille bei uns Deine Weihnachten halten. Wir wollen dann gar nicht von Vergangenem reden, uns leise freuen, daß wir beieinander sind, weißt Du, wenn Dir’s nur sonst so ums Herz ist, der Geldpunkt darf Dich dann auch nicht hindern. Du könntest vielleicht auch vierter Klasse fahren, was unsereins ja nicht bedrückt. Entscheide Du.

Wir sind jetzt wieder besonders dankbar in unserem lieben Lande. Vielleicht schrieb Mutter Dir, daß wir eine Reise nach Münster gemacht haben, dort gaben wir uns beide so viel Mühe und es gelang so wenig. Die alten Leute hatten in jeglichem Ding solch eine zähe stille oder laute Opposition. Otto wird dann in ein paar Tagen wie ausgewischt. Ich nenne ihn dann nur mein »Pastörken«, so etwas Ernstes, Blasses hat er dann. Diesen Herbst hatte er leider ein paar nervöse beängstigende Herzklopfen, die ihn, weil er ja überhaupt ängstlicher Art ist, besonders mitnehmen und ihn in seinem Gesundheitsgefühl unsicher machen. Nun geht es ihm aber wieder gut, er flattert mit seinem braunen Mantel wieder durch die Winde und steht in seinem Atelier und malt. Er hat sich an seinen kleinen gezeichneten Kompositionen wieder das rechte Gleichgewicht geträumt. Diese kleinen Blättchen bilden für mich das Schönste, Einfältigste, das Zarteste und Gewaltigste von Ottos Kunst. Sie sind der direkteste Ausdruck seines Gefühls. Die hat er sich angesehen, wieder und wieder angesehen, hat sie in drei verschiedene Größen eingeteilt und nun kleben wir sie mit Liebe und Sorgsamkeit auf. Wohl siebenhundert an der Zahl. Diese kleinen Dinger haben für mich so etwas Rührendes. Sie sind sein Schönstes, die meisten haben sie noch gar nicht gesehen, und die sie gesehen haben, von denen haben es die meisten noch gar nicht gemerkt.

Aus: Paula Modersohn-Becker (1876–1907), Briefe an die Familie, 30. November
Quelle: Projekt Gutenberg

Otto Modersohn (1865–1943), Birkenallee, 1903
Quelle: Wikimedia
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